Der

Weltensammler

Von den «abscheulichen Eisbergen» zu den blauen Gletschern des «Atlas Suisse» – Gletscher und Karte am Ende des 18.Jahrhunderts

Heinz J.Zumbühl


Einleitung: Gletscher und Eis auf Karten im 18. Jahrhundert

Den ersten sicher nachgewiesenen Versuch in der Schweiz, Gletscher relativ kleinmassstäblich zu erfassen, finden wir auf den vermutlich in den Jahren 1705 bis 1708 auf Alpenreisen entstandenen Originalzeichnungen zu der Schweizerkarte des Zürcher Naturforschers und Stadtarztes Johann Jakob Scheuchzer (1672–1733). Auf der lavierten Federzeichnung sind unter anderem die beiden Grindelwaldgletscher1 und der Rhonegletscher2 als feiner Haufen halbkugelförmiger Gebilde – die die Séracs der Eisoberfläche schematisierend darstellen – deutlich zwischen den grossförmigen Gebirgspyramiden zu erkennen. Auf der dann erstmals 1712/1713 in Zürich gedruckten Karte Nova Helvetiae Tabula Geographica von Scheuchzer ist eine vereinfachte Gletschersignatur geblieben, kugelige dunkle Gebilde inmitten maulwurfsartiger Hügel. Aus diesen rudimentären Darstellungen lassen sich allerdings kaum Rückschlüsse auf die Ausdehnung des Eises ziehen.

Abb. 1

Im Atlas novus Reipublicae Helvetiae mit den grösstenteils vom Pfarrer Gabriel Walser (1695–1776) gezeichneten Kantonskarten – daher oft als «Walser-Atlas» bekannt – sind auf den Blättern Bern (erschienen 1766) und Wallis (erschienen 1768) wieder die Grindelwaldgletscher und der Rhodan Gletscher (Rhonegletscher) eingetragen.3 Die Darstellung der Eisströme ist ganz im Stile von Scheuchzer extrem schematisiert. Die Eismassen sehen so aus, als handle es sich um eine im Aufriss gesehene «gebankte» Staumauer. Obwohl seit Scheuchzer mehr als sechzig Jahre verflossen sind, kann man nicht von einem Fortschritt in der Darstellung des Eises sprechen, und eine Zungenendstandsbestimmung ist erst recht nicht möglich. Auf der Walliserkarte (erschienen 1768) von Walser finden wir als dekorative Staffage eine Kopie des ältesten druckgraphischen Blattes des Rhonegletschers von 1707, geschaffen von Johann Melchior Füssli (1677–1736) und von Scheuchzer 1706 bis 1708 in seiner Beschreibung der Natur = Geschichten des Schweitzerlands publiziert.4 Diese alte Ansicht (Furken Gletscher, bey dem Ursprung des Rhodans) einundsechzig Jahre später noch einmal zu publizieren ist ein weiterer Beweis für die geringe Innovation der Walserkarte.

Auf dem gleichen Kartenblatt Walsers vom Wallis ist an der Südwest-Ecke des Blattes im Gebiet südlich der Glaciers du Faucigny in Savoyen auch vermerkt: Hier sind abscheuliche Eisberge Gletscher Glaciers Montes Glaciales genant, d.h. die analytisch-distanzierte Sicht der Spätaufklärung ist hier noch nicht gegeben.

Abb. 2

Der «Atlas Suisse» (1786–) 1796 bis 1802

Der Atlas Suisse stellt einen Markstein in der eidgenössischen Kartographie dar. Aus privater Initiative erhielt die Schweiz eine völlig neu aufgenommene Karte, die bis zur Herausgabe der Dufourkarte unübertroffen blieb: Der Aarauer Seidenbandfabrikant Johann Rudolf Meyer (1739–1813) entschloss sich, beeindruckt von Pfyffers Relief der Urschweiz, auf eigene Kosten ein Relief fFCr die ganze Schweiz anfertigen zu lassen (Massstab etwa 1:60000) und auf Grund dessen ein topographisches Kartenwerk herzustellen. Er nahm zu diesem Zweck 1786 Johann Heinrich Weiss (1758–1826) aus Strassburg und 1788 Joachim Eugen Müller (1752–1813), den Topographen und Zimmermann aus Engelberg, in seinen Dienst. Der Atlas Suisse (16 Blätter, Massstab etwa 1:120000) erschien 1796 bis 1802.5 Johann Gottfried Ebel meinte dazu: Diese Karte macht alles entbehrlich. Obgleich Sachkenner hie und da Mängel an Genauigkeit in trigonometrischen Messungen und im ausführlichen Detail finden, so ist sie doch weit die Vorzüglichste.6 Die für den Stand der Zeit eher mässige geodätische Qualität wird auch von Georges Grosjean bestätigt.7

Abb. 3

Die Darstellung von Gletscher und Eis im «Atlas Suisse»

Der Atlas Suisse ist die erste Schweizerkarte – und vermutlich auch die erste Alpenkarte –, wo zur besseren Unterscheidung von den schwarzen Gebirgs- und Hügelzügen die Gletscher und schneebedeckten Gipfel mit einer zweiten Druckplatte in Blau gedruckt wurden. Die Qualität der Gletscherdarstellung ist sowohl formal wie auch in Bezug auf die Auswertbarkeit für die Gletschergeschichte (Bestimmung des Zungenendstandes) sehr unterschiedlich.

Auf insgesamt sieben Blättern (das Probeblatt nicht mitgerechnet) ist Eis und Schnee durch blaue Farbe –, wobei bei einem Blatt (Nr.13) der Blauton lediglich in Aquarelltechnik angebracht wurde –, besonders hervorgehoben. Bei zwei weiteren Blättern (Nr.15 und Nr.16) aus dem Alpenraum dagegen fehlt das Blau. Eine genauere Analyse ermöglicht eine Differenzierung von vier Varianten der Gletscherdarstellung:

1. Beim südostorientierten Probeblatt zum Atlas Suisse, der Carte d’une partie très interessante de la Suisse (Abb.1), 1796 veröffentlicht und das Herz der Zentralalpen bzw. der Berneralpen zwischen Grimsel–Brig– Lötschental–Grindelwald umfassend, sind die grossen Talgletscher (z.B. Aletsch-, Finsteraar-, Lauteraar-, Grindelwald- und Rosenlauigletscher) mit schwarzen Schraffen (Umrisse im Zungenbereich meistens verstärkt), überlagert von einfachem oder gekreuztem und damit intensiver wirkendem blauem Lineament (von einer zusätzlichen Druckplatte stammend), dargestellt. Aus Distanz gesehen ergibt dies ein ruhiges, im Vergleich mit dem Atlas eher blass wirkendes Blau.
Beim 1800 publizierten Blatt 11 Le Mont Gotthard et partie des Grisons wird das bleu [qui] indique les Glaciers (von einer zusätzlichen Druckplatte stammend) mit einem gekreuzten Lineament erzeugt. Acht Gletscherzungen werden namentlich benannt, sind aber deutlich weniger dekorativ als auf dem Blatt 10 (siehe unten) dargestellt. Anders als auf dem Probeblatt des Atlas Suisse fehlt hier die Bezeichnung des Rosenlauigletschers (was vielleicht mit der Lage am Rand des Kartenblattes erklärt werden kann), einzig eine schwache Zungenstruktur ist bei sehr genauem Hinsehen angedeutet.
Beim Rhodan Gletscher (Abb.3) südlich der Meyen Wand ist die in ihrer Ausdehnung kaum genau erfassbare Eiszunge mit schwarzen Umrissen und Spalten, überlagert von blau gedruckten Linien, dargestellt. Der Ostteil des Blattes im Bündnerland weist nur noch eine schematisierte Blaustruktur auf den Gipfel- und Gratpartien auf.

2. Die attraktivsten und genauesten Gletscherdarstellungen finden wir auf den Blättern 10 und 14 mit einem intensiven Blau (von einer zusätzlichen Druckplatte stammend).
Das aus glaziologischer Sicht sowohl ästhetisch wie auch in Bezug auf Informationsdichte (Anzahl topographisch bezeichneter Gletscher und eingezeichneter Eiszungen) und Genauigkeit mit Abstand beste des Atlas Suisse ist das 1797 publizierte Blatt 10 Partie du canton de Berne du Vallais et canton de Fribourg (die westlichen Berner Alpen vom Diablerets-Gletscher im Westen bis zum ober Grindelwald-Gletscher im Osten, vgl. Abb. 2). Die zahlreichen gut erkennbaren und benannten (insgesamt 16) Eiszungen weisen teilweise ein dunkles intensives Blau auf, das durch ein feines Hellblaulineament entsteht. Es wird überlagert von kräftigen dunkelblauen Querstrichen, was zusammen den Eindruck einer deutlich strukturierten, gewölbten Gletscheroberfläche mit teilweise dekorativ ornamentalen Fliessstrukturen ergibt. Besonders schön zu sehen ist dies an der langen, gebogenen Zunge des Aletsch Glaetschers.

Abb. 4

Es würde zu weit führen, jeden Gletscher hier einzeln zu analysieren, doch zwei Beispiele seien herausgegriffen: Der Räzlisberg-Gletscher endet mit seinen schönen Fliessstrukturen westlich des Fluhsees oberhalb der Steilstufe, und der Untere Grindelwald-Gletscher wird mit einer relativ geringen Ausdehnung im Zungenbereich wiedergegeben. Die kartographische Geländeaufnahme für den Atlas Suisse erfolgte zwischen 1786 und 1797, d.h. in einer Zeit, als sich sowohl der Rezligletscher8 wie auch der Untere Grindelwaldgletscher9 in einer Rückzugsphase befanden. Dies lässt sich auch aus dem Blatt 10 des Atlas Suisse herausinterpretieren. Ob aber und wo die Zunge des Rezligletschers I de Flüene endete und wo der Schweif des Unteren Grindelwaldgletschers den Talboden noch berührte – und damit den genauen Gletscherstand – ist beim Atlas Suisse leider unmöglich zu bestimmen.
Das Blatt 14 von 1798 Partie du Canton de Vallais et le Versant des Eaux du Piemont (die Walliser Hochalpen vom Val de Bagnes bis zum Val Antrona, vgl. Abb.4) weist angesichts der starken Vergletscherung ausgedehnte Blauflächen (von einer zusätzlichen Druckplatte stammend) auf und ist damit in gewisser Beziehung vergleichbar mit dem Blatt 10. Mindestens neun mächtige Gletscherzungen sind deutlich sichtbar mit Schwarz und einem blauen Raster darüber eingetragen, aber nur gerade der Glacier de Chermontane und der Glacier de Valpeline sind namentlich bezeichnet, also bei weitem nicht die bedeutendsten Eisströme. Die sehr komplexe Topographie wurde – wie in einem Avertissement unten rechts auf dem Blatt erklärt wird – von den besten bekannten Karten übernommen: Cependant l’auteur a pù, du haut de quelques sommites glaciales, limitrophes du Piemont et très élevées et fixer des vallées de glaces très considerables qui se trouvent dans cette contrée montagneuse et dont le développement n’avoit pas été connu jusqu’ici. Dies ist sicher ein Verdienst des Atlas Suisse, doch ist die Darstellung auf dem Walliserblatt in Bezug auf topographische Zuverlässigkeit und Erfassung der Gletscher sehr viel weniger gut gelungen als beim Blatt 10 (Berner Oberland). Als Folge der teilweise rudimentär erfassten Topographie ist beispielsweise südöstlich von Zermatt zwar ein Gorners See, kaum aber der Gornergletscher abgebildet. Im südlichen Val d’Hérens beim Glacier du Mont Miné und dem Glacier de Ferpècle wird das Gebiet um die Tête Blanche (alle diese Namen fehlen im Atlas Suisse) als Passage dangereux bezeichnet, die Redoute de Ste. Théodule wird vermerkt als Passage quelque fois praticable dans le mois d’Aout, on marche 4 heures continuellement sur la Glace.

Abb. 5

3. Auf den Blättern 7, 8 und 12 ist das Blau für Schnee, Gletscher und die höchsten Gipfel (wie in der Legende vermerkt wird) stark schematisiert und eher summarisch, zumeist als blaues Lineament (von einer zusätzlichen Druckplatte stammend) zwischen die schwarze Topographie eingedruckt.
Das Blatt 7 von 1796 mit der Innerschweiz vom Sarner See bis zum Walensee weist nur ganz wenige, kaum bezeichnete Eisströme auf.
Das Blatt 8 von 1798 mit dem Bündnerland vom Weisstannental bis zum Arlberg hat ebenfalls nur eine geringe Fläche in Blau mit ganz wenigen angedeuteten Eiszungen.
Dasselbe gilt für das Blatt 12 von 1802 mit dem Bergell, Engadin und Veltlin, wo die meisten Grat- und Gipfelpartien mit einem blauen Raster überlagert sind; einzelne Eiszungen fehlen. So ist im Berninagebiet beispielsweise weder der Morteratsch- noch der Roseggletscher vermerkt!

4. Auf dem Blatt 13 von 1800 endlich, mit dem Mont-Blanc-Gebiet und dem westlichen Wallis, ist das Blau der Gletscher nicht mehr mit einer zusätzlichen Druckplatte eingedruckt, sondern nur noch mit Wasserfarbe ergänzt. Insgesamt fünfzehn Gletscherzungen sind mit schwarzen Umrissen und Spalten vermerkt, und knapp die Hälfte davon ist auch namentlich bezeichnet. Verglichen mit dem Berner Alpenblatt (Nr.10) ist diese Karte eine grosse Enttäuschung! Die Entschuldigung, dass das ganze Gebiet ja eigentlich im Ausland liege, kann kaum gelten, wenn wir den Aufwand sehen, der beim Blatt 14 im Wallis (mit den südlich davon gelegenen Gebieten in Italien) gemacht wurde.

Abb. 6

Gletscher auf Karte – Relief – Bild: Ein Vergleich

Wie wir gesehen haben, ist der Atlas Suisse eigentlich die erste Schweizerkarte, auf der erstmals eine Grosszahl von Gletschern, je nach Region unterschiedlich gut und genau, aber bei weitem nicht vollständig erfasst worden sind. Der Unterschied beispielsweise zum Walser-Atlas von 1766/1768 könnte nicht grösser sein! Trotzdem können wir bei den dargestellten Eisströmen nur in den wenigsten Fällen eine Zungenendstandsbestimmung durchführen und sie damit für die Gletschergeschichte nutzen. Dies hängt sicher mit dem Massstab, aber auch mit der zu geringen Genauigkeit zusammen.

Es gibt nun Reliefdarstellungen, die ein genaueres Bild der Gletscher um die Wende vom 18. zum 19.Jahrhundert liefern als die Karten des Atlas Suisse (der ja selber mit Hilfe von Reliefs erstellt wurde). Ein solches Beispiel bildet das seit 1978 im Gletschergarten-Museum Luzern stehende, grossformatige, aus zehn Blöcken bestehende Relief im Massstab etwa 1:38000 von Joachim Eugen Müller, den wir ja bereits als einen der drei Hauptverantwortlichen für den Atlas Suisse kennen.10 Dieses ausgedehnteste und bedeutendste der unserem Lande erhalten gebliebenen Alpenreliefs11 umfasst im Wesentlichen die mittleren und östlichen Alpen (im Nordwesten Bern, im Südwesten Weissmies, im Südosten Tarasp und im Nordosten den Pfänder). Dank verbesserter Modellierung und auf Grund neuer Feldbegehungen reicht die Formentreue des Reliefs in einigen Gebieten nahe an heutige Modelle ähnlichen Massstabs heran.12 Diese Aussage gilt zwar nicht für das ganze Relief, aber sicher für das Rhonegletschergebiet (Abb.5). Das Relief entstand vermutlich in den Jahren 1812 bis 1819, der Rhonegletscher wird wohl in der Ausdehnung von 1810/1812 (theoretisch 1805/1806 bis 1812/1815) dargestellt.

Die nur noch einen relativ kleinen Teil des Talbodens bedeckende, stark abgeschmolzene Zungeneiskalotte und die Sérac-Kaskade des Rhonegletschers (Abb.5) sind deutlich herausmodelliert und unterscheiden sich durch das in beigegraublauer, d.h. dunkler Farbe dargestellte Eis mit Oberflächenschutt bzw. Oberflächenmaterial deutlich von den in reinem Weiss kolorierten, höher gelegenen Akkumulationsgebieten. Dank der als Orientierungslinie dienenden blau markierten Erosionsrinne des Saasbaches am nordwestlichen Eisrand wird es möglich, die Lage des Eiszungenendes abzuschätzen. Die Eisfront des Rhonegletschers ist auf dem Relief Müllers etwa 820m (minimale/maximale Werte 770 bis 780m) von den Hochstandsmoränen bei Gletsch entfernt. Damit ist vermutlich der Punkt der geringsten Eisausdehnung zwischen den Vorstössen von 1777/1781 und 1818 erreicht.13 Erst 1872/1873 ist der Rhonegletscher wieder so stark zurückgeschmolzen. Wie wir gesehen haben (vgl. Blatt 11 von 1800), lassen sich mit dem Atlas Suisse über den Rhonegletscher nicht so genaue Aussagen machen.

Anders ist es wiederum mit den Bilddarstellungen, sie liefern für die historische Gletscherforschung oft die besten Resultate. Besonders schön zu sehen ist dies bei den Alpenlandschaften von Caspar Wolf (1735–1783), d.h. seinen Zeichnungen, Ölstudien, Gouachen und gegen zweihundert Ölgemälden, die im Wesentlichen in den Jahren 1773 bis 1778 entstanden sind und das bedeutendste Œuvre der schweizerischen Alpenmalerei im 18. Jahrhundert darstellen. Als «Landschaften im Vorfeld der Romantik» gehören sie zu den hervorragendsten Leistungen der schweizerischen Landschaftsmalerei bis weit ins 19. Jahrhundert hinein.

Auf der vermutlich am 9.August 1777 in freier Natur entstandenen Ölstudie ist die frontal unterschiedlich von weiss bis graublau kolorierte Eiskalotte des Rhonegletschers mit den einzelnen Randspalten in Dunkelgrau oder Bleistift vor der Kulisse des zentral gelegenen Grossen und Kleinen Furkahornes vermerkt.14 Deutlich erkennbar sind im Vordergrund drei Moränenwälle und auf der rechten Bildseite, wegen fehlender Vegetation in dunkelgrauer Farbe skizziert, die südliche Seitenmoräne. Von den Naturstudien ausgehend hat dann Wolf im Atelier oft grossformatige künstlerische Gemäldekompositionen geschaffen, beim Rhonegletscher ist das entsprechende Gemälde auf 1778 datiert. Auf dem Ölgemälde (Abb.6) stossen die prächtig weissblauen Eismassen zu diesem Zeitpunkt wie eine bedrohliche Eispranke oder eine gigantische Rocaillemuschel diagonal von links oben über die Steilstufe nach rechts unten im Talboden vor. Wolfs Rhonegletscher wird zum Bild der Bedrohung durch das lebensfeindliche Eis schlechthin, zum Symbol der Übermacht der Natur. Ein Vergleich zwischen Ölskizze und Gemälde zeigt trotz scheinbarer Übereinstimmung gerade im topographischen Bereich deutliche Unterschiede; so wirkt auf dem Ölgemälde der Gletscher überhöht, heller und letztlich eindrücklicher. Die Farben des Eises (intensives Weiss auf der Eiskalotte, Hellblaugrau bis Grün in den Randspaltenbereichen) sind offensichtlich idealisiert, während die Topographie (etwa die steile Front des Gletschers) genau gesehen wird. Mit dieser Mischung von präziser Beobachtung und Überhöhung gelingt es Wolf, den zu jener Zeit beobachteten Gletschervorstoss visuell zu verdeutlichen. Eine kritische Würdigung15 und ein Vergleich mit anderen Bildquellen der Zeit sowie späteren Fotografien (1849/1856) zeigt, dass der Gletscherrand 1777 offenbar eine geringere Ausdehnung hatte als Mitte des 19.Jahrhunderts. Danach stiess der Rhonegletscher von 1770 bis 1777 im Mittel um etwa 940m vor (je nach Lage mindestens 590m/750m, maximal 1130m). Dieser Gesamtwert wie auch die sich daraus ergebenden Jahresdurchschnittswerte, die über 100m betragen, sind sehr erstaunlich.

Zusammenfassung

In den Augen des Berner Staatsmannes, Geographen und Kartenbibliographen Johann Friedrich von Ryhiner (1732–1803) liegt die Bedeutung einer Kartensammlung unter anderem darin, dass Karten Veränderungen zeigen, die auf dem Erdboden vor sich gehen.16 Der Atlas Suisse ist die erste Schweizerkarte, auf der eine Vielzahl von Gletschern erstmals erfasst und mit dem Blau einer zweiten Druckplatte entsprechend ihrer grossen Bedeutung für den Alpenraum visuell deutlich hervorgehoben wurden. Detaillierte Gletscherschwankungen lassen sich jedoch bei Karten mit kleinem Massstab und zusätzlichen topographischen Ungenauigkeiten eher mit Reliefdarstellungen und vor allem historischen Bildern (Skizzen, Gemälde, Druckgrafische Blätter usw.) erfassen. Erst die Carte du Glacier inférieur de l’Aar von Johannes Wild vom Sommer 1842 im Massstab 1:10000 (die erste wissenschaftliche Gletscherkarte),17 veranlasst von Louis Agassiz (1807–1873) und 1847 publiziert als Lithographie im Tafelband zu seinen Nouvelles études et expériences sur les glaciers actuels, machte die Karte zum entscheidenden Hilfsmittel für die Gletschergeschichte.

Literatur

Agassiz, Louis; Guyot, Arnold; Desor, Edourd: Système glaciaire ou recherches sur les glaciers, leur mécanisme, leur ancienne extension et le rôle qu’ils ont joué dans l’histoire de la terre. Paris/Leipzig, 1847.

Blumer, Walter: Bibliographie der Gesamtkarten der Schweiz. Von Anfang bis 1802. Bern, 1957. (Bibliographia Helvetica 2).

Brunner, Kurt: Gletscherdarstellungen in alten Karten der Alpen. In: Cartographica Helvetica 2 (1990) S.9–19.

Dürst, Arthur: Gabriel Walser und der Schweizer Atlas von 1769. Gattikon, 1969.

Dürst, Arthur: J.J. Scheuchzer. Nova Helvetiae Tabula Geographica. Zürich, 1971.

Ebel, Johann Gottfried: Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art die Schweitz zu bereisen. 2. Auflage. Zürich, 1804/1805.

Graf, Johann Heinrich: Die kartographischen Bestrebungen Johann Rudolf Meyers von Aarau und andere zeitgenössische Versuche einer Vermessung der Schweiz. In: Archiv des Historischen Vereins des Kantons Bern 9,1 (1883) S.1–120.

Grosjean, Georges: Kantonaler Karten und Plankatalog Bern. Bern, 1960. (Landesvermessung und Kartographie des Kantons Bern 2).

Grosjean, Georges; Cavelti, Madlena: 500 Jahre Schweizer Landkarten. Zürich, 1971.

Holzhauser, Hanspeter: Zur Geschichte der Aletschgletscher und des Fieschergletschers. Zürich, 1984. (Physische Geographie 13).

Imhof, Eduard: Bildhauer der Berge. In: Die Alpen 57,3 (1981) S.103–166.

Klöti, Thomas: Johann Friedrich von Ryhiner 1732–1803. Berner Staatsmann, Geograph, Kartenbibliograph und Verkehrspolitiker. Bern, 1994. (Jahrbuch der Geographischen Gesellschaft Bern 1992–1993 58).

Klöti, Thomas: Das Probeblatt zum «Atlas Suisse» (1796). In: Cartographica Helvetica 16 (1997) S. 23–30.

Tribolet, Gustav: Die Schwankungen des Rezli- und Geltengletschers. Gletschergeschichtliche und glazialmorphologische Untersuchungen. Diplomarbeit. Bern, 1998.

Zumbühl, Heinz J.: Die Schwankungen der Grindelwaldgletscher in den historischen Bild- und Schriftquellen des 12. bis 19.Jahrhunderts – Ein Beitrag zur Gletschergeschichte und Erforschung des Alpenraumes. Basel/Boston/Stuttgart, 1980. (Denkschriften der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft 92).

Zumbühl, Heinz J.; Holzhauser, Hanspeter: Alpengletscher in der Kleinen Eiszeit. In: Die Alpen 64,3 (1988) S.129–322.

Für die kritische Durchsicht des Manuskripts danke ich ganz herzlich Herrn Dr. Hanspeter Gsell, Bremgarten BE.

Anmerkungen

  1. vgl. Zumbühl (1980) S.23, 132–133, 202; Dürst (1971).
  2. Zumbühl/Holzhauser (1988) S.170, 172.
  3. Zumbühl (1980) S.26, 136; Blumer (1957) S.93–94; Dürst (1969) S.12–13.
  4. Zumbühl/Holzhauser (1988) S.170–172.
  5. Graf (1883) S.1–120; Grosjean/Cavelti (1971) S.32; Klöti (1997) S.23–30.
  6. Ebel 1. Theil (1804) S.138.
  7. Grosjean (1960) S.7: Nr.24.
  8. Tribolet (1998) Fig. 1a.
  9. Zumbühl (1980) Fig. 1.
  10. vgl. Zumbühl/Holzhauser (1988) S.196–197: RO38.
  11. Imhof (1981) S.118.
  12. Imhof (1981) S.118.
  13. Zumbühl/Holzhauser (1988) Fig. 4.
  14. Zumbühl/Holzhauser (1988) S.178–179: RO10.1/10.3, S.183–184.
  15. vgl. Zumbühl/Holzhauser (1988) S.184.
  16. Klöti (1994) S.295.
  17. vgl. Zumbühl/Holzhauser 1988 S.281–283.

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