Der

Weltensammler

Troja und die Troas

Dietrich Willers


Den Ausgangspunkt zum nachfolgenden Beitrag bilden drei Kartenblätter zum antiken Troja und seiner Landschaft, der Troas, aus dem Werk des Jean Baptiste Le Chevalier:

  1. Carte du Golphe Adriatique et de l’Archipel pour servir au Voyage de la Troade/ gravé par Tardieu rue de Bievre 28, etwa 1:3600000, (1802);
  2. Carte de la Troade et du Cours de Simoïs, depuis sa Source jusqu’à son Embouchure/gravé par Tardieu rue de Bievre 28, etwa 1:150000, (1802);
  3. Carte de la Troade, Levée par J.B.Lechevalier et L.F.Cassas en 1786, etwa 1:50000, (1802).

Mit Jean Baptiste Le Chevalier begann die Erforschung der Landschaft Trojas im modernen Sinne, so dass seine Karte auch heute noch als benutzbar bezeichnet wird (Cook [1973] S. 46). Die Reisen in die Troas unternahm er in den Jahren 1785, 1786 und 1787 im Auftrag des französischen Gesandten bei der Hohen Pforte Marie Gabriel Florent Auguste Comte de Choiseul-Gouffier, selbst ein archäologisch-antiquarisch interessierter und kundiger Forscher, dem wir auch eigene Publikationen verdanken (Louis-François Cassas war einer der Zeichner im Dienste Choiseul-Gouffiers). Le Chevalier trug seine Entdeckungen und Theorien zuerst 1791 in Edinburgh vor, wo sie im gleichen Jahr auf Englisch als Description of the Plain of Troy publiziert wurden.
Abb. 1: Kartusche der Reisekarte von Jean Baptiste Le Chevalier
(alle Abbildungen: Bern, Sammlung Ryhiner).

Bereits 1792 folgte, angeregt durch den grossen Philologen Christian Gottlob Heyne, die deutsche Übersetzung: Beschreibung der Ebene von Troja. Mit Anmerkungen und Erläuterungen von Andreas Dalzel. Vorrede, Anmerkungen und Zusätze von Chr.G.Heyne (deutsch von K.F.Dornedden), Leipzig 1792. Das Thema Troja war so populär und aktuell, dass wenige Jahre später bereits eine zweite deutsche Übersetzung erschien: Reise nach Troja oder Gemählde der Ebene von Troja in ihrem gegenwärtigen Zustande vom Bürger Lechevalier. Nach dem Französischen der zweyten Ausgabe frey bearbeitet von C.G. Lenz, Professor am Gymnasium zu Gotha. Mit VIII Kupfern und I Charte, Altenburg und Erfurt 1800. Was mit dem Französischen der zweyten Ausgabe gemeint ist, ist nicht recht erkennbar, weil die Bibliographien als erste französische Ausgabe die 1802 in Paris erschienene Übersetzung Voyage de la Troade. Fait dans les années 1785 et 1786 nennen. Mit ihr zugleich kam die Sammlung – mit leichten Modifikationen in den Kartenblättern – des Recueil des Cartes, Plans, Vues et Médailles pour servir au Voyage de la Troade heraus. Bei einzelnen Blättern Le Chevaliers, die sich nicht mehr im Publikationszusammenhang befinden, ist also nur durch genaues Kollationieren anhand der Originalpublikationen zu entscheiden, aus welcher der Ausgaben sie stammen. Das Übersichtsblatt fusst auf der älteren Kartentradition der Mittelmeerkarten und ist nicht selbständig erarbeitet (Abb.1 und 2). Die kartographische und historisch-topographische Leistung Le Chevaliers steckt in dem Detailblatt Carte de la Troade (Abb.3).

Die Landschaft von Troja weist zahlreiche antike Spuren auf – Siedlungen und antike Grabtumuli, d. h. Orte wie das hellenistische Ilion (von dem erst die neuzeitlichen Forschungen erwiesen, dass es an der Stelle der bronzezeitlichen Siedlung liegt), und die ebenfalls spätere Neugründung der Küstenstadt Alexandreia Troas, dazu alte, teils sehr alte archäologische Spuren. In der Antike zeigte man sich zum Beispiel die Heroengräber eines Aias oder Achill, und der Geograph augusteischer Zeit, Strabon, gab eine detaillierte Beschreibung der homerischen Landschaft. Auch die homerischen Flüsse Skamander und Simois bildeten einen Teil der «trojanischen» Topographie und waren unter den Flussläufen der Ebene wiederzuerkennen, wenn man nach dem homerischen Troja suchte. Die Kenntnis der Troas als der Landschaft Homers ging nie ganz verloren, so dass man auch im Mittelalter und in der frühen Neuzeit nach den alten Plätzen Ausschau hielt und die homerischen Ereignisse in der Landschaft zu situieren versuchte. Die Detailkarten, die hierzu entstanden, waren bis in das 18.Jahrhundert hinein mehr eine Umsetzung des Textes Strabons, als dass sie auf konkreter Feldforschung basierten. Im Verlauf des 18.Jahrunderts mehrten sich dann die archäologischen Forschungen im Gelände vor allem englischer Reisender, die das Troja Homers wiederfinden wollten. Es mehrten sich aber auch – in der Folge der erwachenden philologischen Textkritik – die Zweifel an der Historizität der homerischen Geschichten. Wenn die Karten der Westküste Kleinasiens, die man bis zur Mitte des 18.Jahrhunderts benutzte, eine Art von Landesaufnahme zu Hilfe nahmen, waren es italienische nautische Karten oder solche, die von ihnen abgeleitet waren. Sie benutzten antike Angaben, etwa von Strabon, ebenso wie moderne Daten, aber selbst die Wiedergabe der Küstenverläufe war in der Regel schematischer Art. Ihren Höhepunkt erreichte diese Art von Karten im viel gepriesenen Atlas antiquus Danvillianus des Jean-Baptiste Bourguignon d’Anville.

Im Verlauf der drei Besuche in der Troas kam Le Chevalier schnell zu der Überzeugung, dass die Troas der Beschreibung Homers entsprach. Bereits der Engländer Robert Wood hatte bei zwei Besuchen der Troas in den Jahren 1742 und 1750 die Einsicht gewonnen, dass die Ebene durch Anschwemmung der Flüsse seit der Antike erheblich an Ausdehnung gewonnen hatte, dass die Küstenlinie in der Zeit Homers einen erheblich anderen Verlauf gehabt haben müsse und dass die Flüsse auch ihren Verlauf geändert hatten. Unter den späteren haben ihm das – zu Unrecht! – wenige abgenommen, aber Le Chevalier hatte natürlich Woods Buch neben Homer bei sich und folgerte, dass Troja nicht am Meer, sondern flussaufwärts am Skamander gelegen haben müsse. So traf er die folgenschwere Festlegung, dass das homerische Troja der Hügel beim modernen Dorf Bounarbachi gewesen sein müsse (so die Orthographie auf Le Chevaliers Karte mit dem Zusatz Troja vel Ilium vetus, sonst häufig Bunarbaschi geschrieben, in heutiger türkischer Orthographie Pinarbasi). Die weiter nördlich bei Hisarlik gelegenen Ruinen sah er und trug sie als Ilium recens = Neu-Ilion ein. Hier haben schliesslich Heinrich Schliemann und Wilhelm Dörpfeld die bronzezeitliche Stadt ausgegraben, aber bis diese Sicherheit gewonnen war, sollte es noch lange dauern.


Abb. 2: Der Ausschnitt der Carte du golphe adriatique et de l'Archipel, pour servir au voyage de la Troade zeigt die Reiseroute von Jean Baptiste Le Chevalier in der Ägäis.
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Der Name Hisarlik taucht auf Le Chevaliers Karte nicht auf, aber seine Eintragung von Ilion recens (Neu-Ilion) stimmt überein mit der Eintragung von Hisarlik auf einer etwa zeitgleich mit unseren Blättern entstandenen Karte eines anderen Mitarbeiters des Grafen Choiseul-Gouffier namens Franz Kauffer, der 1786 und 1787 in der Troas arbeitete. Choiseul-Gouffier hat im ersten Teil des zweiten Bandes seiner Voyage de la Grèce pittoresque (Kapitel 14), der die Troas behandelte und schliesslich 1820 in Paris erschien, die Karte Kauffers verwertet und nicht diejenige Le Chevaliers. Angesichts der überragenden kulturellen Bedeutsamkeit der homerischen Landschaft am Hellespont – den heutigen Dardanellen – konnte die Arbeit Le Chevaliers kein Schlusspunkt der Erforschung bleiben. Doch dank der weiten Verbreitung seiner Karte und dank der scheinbar überzeugenden Argumentation seiner Publikation hatte sich die Gleichsetzung des homerischen Trojas mit Bunarbaschi bereits so gefestigt, dass auch der wichtigste Nachfolger Le Chevaliers sie übernahm: zitiert wird die gemeinte Karte gewöhnlich als die «Admiralty Chart 1608» von 1840 des Autors Thomas Abel Brimage Spratt, die Johann Friedrich von Ryhiner nicht mehr kennen konnte.


Abb. 3: Ausschnitt aus der Carte de la Troade, 1786. Für Le Chevalier lag das homerische Troja (Troja vel Illim vetus) bei Bounarbachi.
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Sie ist die erste wirklich detaillierte Karte der Troas und wird noch heute in der topographisch-archäologischen Forschung benutzt, wenn man nicht im Ausnahmefall an moderne türkische Detailkarten gelangen kann. Sie ist das gemeinsame Werk des Kieler Archäologen Peter Wilhelm Forchhammer und des damaligen Midshipman, des späteren Vize-Admirals Spratt. Forchhammer reiste 1838 von Kiel zu Forschungszwecken in die Troas und arbeitete 1839 mit Spratt zusammen. Auch Forchhammers bleistiftgezeichneter Kartenentwurf, der sich in der Universitätsbibliothek in Kiel befindet, übernahm die Lokalisierung der antiken Stätten in der von Le Chevalier festgelegten Weise. Auch Heinrich Schliemann begann deshalb 1868 – trotz etlicher gewichtiger Gegenstimmen, die in der Zwischenzeit vernehmbar geworden waren und begründet hatten, warum man in Hisarlik ansetzen müsse – mit Bunarbaschi, ehe er sich Hisarlik zuwandte, und es brauchte bis 1890 und bedurfte der Argumentationskraft eines Wilhelm Dörpfeld, bis Schliemann in der Schicht «Troja VI/VII» im Hügel von Hisarlik das homerische Troja zu sehen bereit war. Aber ob das zutreffen kann, ist eine andere Frage.

Literatur

Cobet, Justus: Troja vor Schliemann. In: Heinrich Schliemann nach hundert Jahren. Hrsg. William Musgrave Calder, Justus Cobet. Frankfurt a. Main, 1990. S.118–151.

Cook, John Manuel: The Troad. An Archaeological and Topographical Study. Oxford, 1973. S.44–51.

Easton, Donald F.: Troy before Schliemann. In: Studia Troica 1 (1991) S.111–129.

Müller-Karpe, Andreas: P.W.Forchhammers archäologisch-topographische Erfassung der Troas von 1839 – Grundlage für Schliemanns Geländeforschungen. In: Heinrich Schliemann. Grundlagen und Ergebnisse moderner Archäologie 100 Jahre nach Schliemanns Tod. Hrsg. Joachim Herrmann. Berlin, 1992. S.107–119.

Siebler, Michael: Troja – Homer – Schliemann. Mythos und Wahrheit. Mainz, 1990. (Kulturgeschichte der Antiken Welt 46).

Wood, Michael: Der Krieg um Troja. Geschichte der Stadt, ihrer Wiederentdeckung und der neuesten Grabungen. Frankfurt a. Main, 1985. S.40–51.


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