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Weltensammler |
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Quirinus Reichen
Der Fremdenverkehr in die Schweiz interessierte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neben den Städten sehr stark für das Berner Oberland. Das lag daran, dass die Naturbegeisterung der Aufklärungszeit sich besonders auf das geheimnisumwitterte Phänomen der Gletscher und das Naturschauspiel der Wasserfälle ausrichtete. Für bei- des war das Berner Oberland gewiss nicht allein zuständig, bot solches aber in einer ihresgleichen suchenden Konzentration an. Hinzu kamen die schon von den zeitgenössischen Reiseschriftstellern gelobte leichte Erreichbarkeit und Vorformen touristischer Infrastruktur, die in andern Gegenden der Alpen weit weniger vorhanden waren.
Insofern weist das Berner Oberland auch eine besonders reiche Reiseliteratur auf, und in diesem Gefolge sind auch Karten entstanden, die entweder gezielt auf touristische Ziele und Abnehmer ausgerichtet waren, oder bei andern Zielsetzungen doch für die Belange der Reisenden vorteilhaft nutzbar waren.
Einige dieser Karten aus der Sammlung Ryhiner sollen nach diesen Interessen etwas detaillierter angeschaut werden. Es geht dabei nicht um eine kartographische Würdigung dieser Werke, sondern lediglich um die Frage, was an diesen Blättern besonders touristisch ist und was einem Reisenden hilfreich gewesen sein könnte. Gehen wir von der Frage aus, was einen heutigen Touristen an einer Touristenkarte interessiert, dann sind das drei Gebiete; nämlich die Verkehrsinfrastruktur, das Beherbergungswesen und die Sehenswürdigkeiten. Nach diesen drei Kriterien sollen nun auch die folgenden Karten angeschaut werden.
Wenn auch das Interesse der Reisenden sich vor allem auf den östlichen Teil des Berner Oberlandes richtete, weil sich da die grossen Gletscher und Wasserfälle befanden, und weil man vor allem im Oberhasli auch die Schönheit der Hirten bewundern wollte, so wurde das westliche Berner Oberland zwar auch, jedoch nur selten besucht. Es war interessant wegen seiner Käseproduktion, und es diente als Verbindungskorridor zwischen der Riviera vaudoise (Gegend zwischen Montreux und Vevey), die vor allem durch Rousseaus Nouvelle Heloïse bekannt geworden war, und dem engern Oberland. Zwei wunderschöne Karten in der Sammlung Ryhiner zeigen die sanften Tallandschaften im Gebiet von Simme und Saane. Die Karte von Samuel Loup aus Rougemont ist mit 1754 datiert, der sie unter dem Titel Carte Chorographique de la partie occidentale de lOberland ou le Comté de Gruyères divisé en quatre baillages ou Gouvernements veröffentlichte.1 Text und Vignetten verraten das Hauptinteresse des Autors und sicher auch seiner Käuferschaft, nämlich die Milchverarbeitung, insbesondere die Käseproduktion und den Export bis nach Ägypten und Konstantinopel (Abb.1). Ein Einfluss von Scheuchzers Darstellungen alpwirtschaftlicher Geräte ist unverkennbar.2 Die Karte ist bemerkenswert detailreich, am reichsten natürlich in Loups nächster Umgebung, dem Pays dEnhaut und dem Saanenland. Auffällig sind wichtige wasserwirtschaftliche Bauten, so der Canal de Stokalper im untersten Rhonetal und der Kanderdurchstich von 1714 im Strättlighügel bei Thun. Schön erkennbar auch die alte Simmentalstrasse, die über diesen Hügel führt; von der neuen Gemmistrasse aber ist noch nichts zu erkennen. Die Kirchorte sind alle, aber die Bäder obwohl seit längerem bekannt längst nicht alle eingezeichnet. Sie erscheinen teilweise auch nur als Orte, aber nicht expressis verbis als Bad, wie z.B. Lenk, Fermel, Glütsch, Weissenburg. Hingegen findet sich das Bad Etivaz und die aufschlussreiche Doppelbezeichnung Adelboden und Imbaden. Auffällig wenige Berge finden sich erwähnt, zumeist bezieht sich «Mont» bzw. «M.» auf Pässe wie M. Ravin (Rawil) oder Gemmi. Einzige Bergspitze als «Mont» ist das Stockhorn. Angesichts dieser Informationen stellt sich die Frage nach dem touristischen Wert. Ganz verneint kann dieser nicht werden, denn die Karte wurde nachgedruckt, so in London 1766 (erwähnt im Titel der folgenden Ausgabe) sowie von Jacques Clermont im Jahre 1778,3 in der vor allem die Strassen weit deutlicher erscheinen, obwohl z.B. die Gemmistrasse weiterhin fehlt. Weit malerischer machen sich in der Ausgabe 1778 auch die Weiler aus, die nun als kleine Häuschen und nicht mehr als gewöhnliche Ringsignatur erscheinen, und die wenigen eingezeichneten Bäder werden nun ganz im Stile der Zeit französisch geschrieben (Turbach Bain statt Turbach Bad wie 1754). Noch 1819 erwähnt Johann Rudolf Wyss die Karte von Loup als empfehlenswerte Spezialkarte.4
Bemerkenswert an dieser Karte (Abb.2 und 3) sind vorerst einmal die guten Kenntnisse der politischen Geographie, wobei in der Westschweiz fast keine, in der Ostschweiz nur kaum mehr Fehler zu finden sind. Auf seinen vier Reisen hatte William Coxe fast die ganze Schweiz besucht, bemerkenswert intensiv war sein Interesse für Graubünden, das im 18.Jahrhundert ja durchaus nicht von allen Reisebuchautoren der Schweiz zugerechnet wurde. Das Hauptziel der Touristen des 18.Jahrhunderts, das Berner Oberland, wurde jedoch nur einmal ganz knapp durchreist: Coxe kam von der Gemmi, reiste über Aeschi nach Interlaken, über die Kleine und Grosse Scheidegg und die Grimsel bis nach Münster, um sich dann über die Furka der Zentralschweiz zuzuwenden (Abb.2). Eine weitere Reise führte von Bern nach Thun.
Dennoch enthält seine Karte einige Angaben, die auf das rege touristische Interesse schliessen lassen. So ist an der Grimsel das Spital eingezeichnet. Die südlichen Abstiege der Grimsel, die Meyenwand nach Gletsch und der Saumweg nach Obergesteln, sind bereits beide angegeben. Diese beiden Routen beschäftigten über mehr als ein Jahrhundert, bis zur Eröffnung der Fahrstrasse (1895), fast jeden Reiseschriftsteller. Die Meyenwand war der kurze Zugang zum Rhonegletscher, aber wegen des schlechten Wegleins äusserst gefürchtet, und kaum ein Schriftsteller, der diesen Umstand nicht noch ausgeschmückt und dramatisiert hätte. Bemerkenswert ist auf dieser Karte auch der östliche Ausgang aus dem Haslital. Der Sustenpass, touristisch selten begangen und in Reiseführern kaum erwähnt, fehlt; der interessantere Weg nach Engelberg hingegen ist mit dem Gentelbach angedeutet. Das Gental war ein Eldorado der Hirtenbeobachtung und -begeisterung, beinahe das Zentrum der alpinen Arkadienbewunderer und bot seit Scheuchzers Bericht auch ein besonderes Wasserphänomen. Auf der andern Bergseite war das Kloster Engelberg berühmt wegen seiner Bibliothek und der gelehrten Mönche. Bemerkenswert ist die Nomenklatur, noch werden Pässe und Berge undifferenziert als «Mt» (=Mont) bezeichnet.
Um 1780 durchwanderte der Franzose Jean-Benjamin de La Borde die Schweiz und publizierte ganz im Stile seiner Zeit seine Reiseerlebnisse in Form der Lettres sur la suisse, adressées à Madame de M*** par un voyageur françois 6
La Borde bereiste vor allem das Mittelland; in den Alpen berührte er nur die Urschweiz, von wo er via GotthardNufenenRhonegletscherGrimselpassMeiringen, Grosse ScheideggLauterbrunnenAeschiThun das Berner Oberland durchquerte, um ganz am Schluss der Reise noch das unterste Wallis und die Gletscherwelt von Chamonix zu besuchen. Er war vor allem historisch interessiert und besuchte viele Schlachtfelder. Als Beilage zum ersten Band findet sich eine Karte (Abb.4), die in roter Signatur seine Reise wiedergibt. Die Karte dürfte wohl weitgehend auf Grund seiner Angaben entstanden sein, ist sie doch im Bereich seiner Route detailreicher, wenn auch ganz und gar nicht fehlerfrei. So ist das Lauterbrunnental völlig verzerrt dargestellt, und obwohl er den Staubbach besucht hatte, erscheint dieser als Zufluss der Kander bei Kandersteg. Die Karte ist eine interessante Zugabe zu einem stark historisch und literarisch bestimmten Reisebericht. Auch wenn die Genauigkeit der Angaben über die Gletscher des Faucigny als besonders präzise angepriesen wird, dürfte die Karte als Reisebehelf kaum ein Rolle gespielt haben.
Einen bemerkenswerten Erfolg verzeichnete die Strassenkarte von Johann Georg Heinzmann (Abb. 5 und 6). Sie erschien 1795 und dann in mehreren Varianten bis 18037 als Beilage zu seinen Reisehandbüchern. Sie wurde auch 1798 und 1799 herausgegeben, obwohl in diesen Jahren die Schweiz in den Strudel des europäischen Kriegsgeschehens hineingezogen und daher nicht gerade ein einladendes Reiseland war. Heinzmanns Karte brilliert nicht durch eine künstlerisch hochstehende Darstellungsweise, sein Verdienst ist es, mit Distanzangaben eine der ersten spezifisch auf die Bedürfnisse der Touristen ausgerichtete Karte publiziert zu haben. Die Distanzen sind ab Bern gemessen, das ist ebenso Lokalpatriotismus wie im Hinblick auf die Fremdenströme nicht ohne innere Berechtigung. Die unübersehbaren Disproportionen entschuldigt er mit der schwierigen Topographie und den détours infinis.
Die bedeutendste touristische Karte für das Berner Oberland im 18.Jahrhundert, sicher bis zum Erscheinen von Wyss berühmtem Handatlas 1816,8 ist jedoch das Probeblatt zum Atlas Suisse von Johann Heinrich Weiss aus dem Jahre 1796 (Abb.7).9 Der Strassburger Weiss und der Engelberger Joachim Eugen Müller waren zusammen vom Aarauer Seidenindustriellen Johann Rudolf Meyer beauftragt worden, eine Karte der Schweiz herzustellen. Dieses Werk im Massstab 1:120000 erschien 1796 bis 1802. Dazu erschien ebenfalls 1796 ein Probeblatt, das im Gegensatz zum nordorientierten Gesamtwerk nach Südosten ausgerichtet war und das östliche Berner Oberland und grosse Teile des Oberwallis umfasste. Das mag an den Vorarbeiten, dem Relief Müllers, liegen, aber das Blatt beinhaltet doch unverkennbar die bedeutendste touristische Gegend der damaligen Zeit. Das beginnt schon bei der Orientierung, die ganz im Sinne des von Bern nach dem Oberland anreisenden Publikums liegt. Abgebildet wird die Gegend der Berner Voralpen von Schüpfheim bis zum Gurnigel und Bad Weissenburg, dann nach Süden bis in die Vispertäler und im Südosten bis ins Pomat (Val Formazza, mit dem Wasserfall der Tosa). Vom Tosafall führt der Kartenrand so nach Norden, dass gerade noch der berühmte Grimselpassweg und der Brünigpass erscheinen. Sehr detailreich sind die Wege über die Kleine Scheidegg und der Grimselweg, etwa im alten Verlauf von Brienz nach Meiringen mit der Wilerbrücke, dann die Handeck Cataractes, obwohl damals noch schlecht zugänglich, die Caverne de Beate (Beatushöhlen) und die Gemmistrasse von Quat (Gwatt) bis Schwarribach eingetragen. Dabei war das dortige einsame Wirtshaus damals noch gar nicht durch Zacharias Werners Drama bekannt!10 Der Lötschenpass fehlt, zu sehr stand er damals touristisch im Schatten der Gemmi, aber fünf Ortsbezeichungen im Lötschental beweisen, dass zumindest Insider über die Existenz dieser verborgenen Talschaft wussten. Von den Bädern, damals eben nicht nur als Kurorte, sondern auch als Unterkunftsmöglichkeiten wichtig, sind Weissenburg, Gurnigel, Leissigen, Blumenstein und Neuhaus (Bad/Sust) aufgeführt, hingegen fehlen Heustrich, Rosenlaui und Willigen. Bei den Wasserfällen ist neben Handeck nur noch der Staubbach als solcher erwähnt; Giessbach und Reichenbach sind Örtlichkeiten, aber nicht Wasserfälle. Ist also auch Weiss Werk eine Touristenkarte mit Vorbehalten? Abgesehen davon, dass das Ideal ja nie erreicht werden kann, darf der Karte für ihre Erscheinungszeit nichts streitig gemacht werden. Die Strassensignaturen allein belegen die Kompetenz ihrer Autoren. War ein Reisender auch noch mit einem guten Führer neueren Datums ausgerüstet, so konnte er seine Oberland-Tour mit guten Gefühlen antreten.