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Weltensammler |
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Thomas Klöti
Nachdem der deutsche Kartenhistoriker Peter H. Meurer Einblick in die Sammlung Ryhiner genommen hatte, schrieb er 1987 in seiner Einleitung zu einem Sammlungsporträt: In seiner Gesamtheit erschlägt das in Bern vorhandene Kartenmaterial jeden Einzelforscher. An diesen Satz dachte ich bei der Erschliessung der Sammlung Ryhiner immer wieder. Etwa 16000 Blätter bekam ich bei den Inventarisierungsarbeiten zu Gesicht. Dabei begegnete ich vielen verlockenden Spuren, doch nur wenigen konnte ich vertieft nachgehen, wenn ich das Ziel, die gesamte Kartensammlung zu erschliessen, nicht aus den Augen verlieren wollte. Im Nachfolgenden will ich eine dieser Fährten erneut aufgreifen. Damit mich das von Meurer beschriebene Schicksal nicht zum Schluss dennoch ereilt, stütze ich mich bei den nachfolgenden Ausführungen vor allem auf die Vorarbeiten von Paul Pulver und Johannes Dörflinger unter Verzicht auf eigene, ausgedehnte Quellenforschungen. Vorausschicken möchte ich, dass sich der Titel des Aufsatzes in keiner Weise auf meine gegenwärtige Lage als StUBengelehrter bezieht, obwohl sich mein Arbeitsplatz in der StUB (Stadt- und Universitätsbibliothek Bern) befindet. Tönt ein von Grillen erfüllter geographischer Raum jedoch nicht zumindest aus der Perspektive einer langjährigen, sitzenden Beschäftigung geradezu verlockend? Doch nein, gehen wir schön der Fährte nach:
In der Sammlung Ryhiner gibt es eine Nordamerika- und eine Nordasien-Karte (Abb.1), bei der sich der Kartenautor bescheiden zurückhielt, indem er diese jeweils bloss mit drei sechsstrahligen Sternen *** signieren liess. Doch wer steckt dahinter und woher stammen die Karten?
Die Karten aus der Sammlung Ryhiner stammen aus Atlanten, aus Büchern oder sind Einzelkarten, die aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang herausgelöst und regional geordnet auf über 500 Sammelbände verteilt wurden. Ein Ziel der Erschliessungsarbeiten bestand darin, die Ursprungswerke der derart verstreuten Blätter zu ermitteln und soweit möglich zu rekonstruieren. Zum Glück waren mir die beiden oben erwähnten Karten bereits aus einem anderen Zusammenhang bekannt gewesen, sonst wäre es mir womöglich schwer gefallen, auf die richtige Spur zu kommen. Das dem so ist, zeigte sich besonders an den wenigen Antworten, die auf eine entsprechende Frage im Landkarten-Quiz der Zeitschrift Cartographica Helvetica (Heft 10, 1993) eingereicht wurden, wobei nur ein Leser die richtige Antwort fand. Der Wiener Kartenhistoriker Johannes Dörflinger schrieb: Ich habe mich vor vielen Jahren mit der im 18.Jahrhundert diskutierten Frage der «Längenausdehnung» Asiens beschäftigt und bin dabei auf die sehr interessanten Publikationen des Schweizers Samuel Engel gestossen, die meines Erachtens eine bedeutende Rolle in der Diskussion spielten.

Abb. 2: Konturvergleichskarte von Jean-Nicolas Buache
de la Neuveville, 1775. Die Karte vergleicht die Küstenlinien der Karten von Samuel Engel
und Robert de Vaugondy (von 1764 bzw. 1774) mit den russischen "cartes modernes".
(Bern, Stadt- und Universitätsbibliothek).
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Hinter den drei Sternen versteckt sich der Berner Ökonom und Geograph Samuel Engel (17021784), der von 1736 bis 1748 als Oberbibliothekar der Stadtbibliothek Bern und anschliessend auch als Landvogt in Aarberg (1748 bis 1754) wirkte (Abb.3). Die Karten wurden als Beilagen zu seinen geographischen Schriften verfasst, in denen sich Engel mit der Frage der Erschliessung der Nordostpassage befasste.
Das Zeitalter der grossen Entdeckungen begann im 15.Jahrhundert mit der Suche des Seeweges nach Indien. Christoph Kolumbus stiess dabei 1492 auf Amerika. Auch der Seeweg um Afrika nach Indien wurde gefunden. Ungeklärt blieb, ob eine nördliche Durchfahrt nach Indien möglich sei. Seefahrer und Gelehrte beteiligten sich an dieser Suche, die im 18. Jahrhundert stark vorangetrieben wurde, da grosse Teile der Erde darunter die Länder und Meere im hohen Norden noch immer unerforscht waren.
Der Berner Geograph Samuel Engel, dessen Interesse geweckt worden war, untersuchte eingehend die Frage, ob Russland und Amerika durch eine Landbrücke zusammenhängen, was er schliesslich verneinte. Er stützte sich bei seinen Forschungen besonders auf Karten, die er kritisch würdigte. Samuel Engel trat der verbreiteten Meinung entgegen, dass das Meer im hohen Norden nicht schiffbar sei. Sein Vorschlag lautete, im Juni von einem Ort zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja aufzubrechen und ungefähr den achtzigsten Breitengrad einzuhalten. Nach seiner Berechnung müsste bei gutem Wetter die Meeresstrasse zwischen Asien und Amerika gegen Ende Juli erreicht werden. Der bernische Geograph, der sich durch diese Forschungen einen Namen machte, fand mit seiner Meinung sicher Gehör; ob er aber den von ihm selbst gewünschten Einfluss auf entsprechende entdeckungsgeschichtliche Expeditionen ausüben konnte, bleibt ungewiss. Die Möglichkeit einer Nordostpassage für den Seeverkehr wurde schliesslich im 19.Jahrhundert bestätigt. 1878/1879 gelang dem Schweden Nils Adolf Erik Nordenskjöld, der sich wie Johann Friedrich von Ryhiner auch als Kartensammler betätigte, auf dem Schiff «Vega» die Nordostdurchfahrt. Diese denkwürdige Fahrt zeigte, dass Engels Behauptungen zum guten Teil auf richtigen Anschauungen beruhten. Gemäss Paul Pulver liess sich der schwedische Forscher von den gleichen Überlegungen wie Samuel Engel leiten: So früh als möglich aufzubrechen und dann rasch vorzudringen, damit der Stille Ozean erreicht werde, ehe Sommer und Herbst zu Ende waren.
Im Hinblick auf die Diskussion der Längenausdehnung Asiens, die die gelehrte Welt im 18.Jahrhundert führte, hat Johannes Dörflinger den Beitrag Engels aufgezeigt.
Peter der Grosse, der an geographischen Fragen besonders interessiert war, gab gegen Ende seiner Regierungszeit den Anstoss zur planmässigen, wissenschaftlichen Erforschung Sibiriens. Besonderes Augenmerk wurde dabei auf die Fragen gelenkt, ob Asien mit Amerika zusammenhängt und wie weit sich das nördliche Asien nach Osten erstreckt. Die Verwirklichung dieser Pläne erfolgten nach Peters Tod durch die erste Kamtschatka-Expedition (1725 bis 1730), die unter der Leitung des Dänen Vitus Bering stand. Zwar standen die Detailergebnisse unter strengster Geheimhaltung, dennoch gelangten Kenntnisse ins Ausland. 1733 erfolgte dann der Beginn der zweiten Kamtschatka-Expedition, die auch als «Grosse Nordische Expedition» bezeichnet wird. Zu den ersten für die Öffentlichkeit bestimmten Veröffentlichungen gehörte der ab 1746 erscheinende Atlas der Petersburger Akademie. Die strenge Geheimhaltung von Einzelergebnissen galt jedoch auch für die zweite Kamtschatka-Expedition. Dennoch wurden von beteiligten Forschern wiederum entsprechende Einzelheiten publik gemacht.

Abb. 4: Der Kartenentwurf A chart of the
discoveries made by the late Capt. Cook erschien 1780 im London Magazine und
bestätigte im Wesentlichen die russischen Angaben zur Längenausdehnung Asiens.
(Lausanne, Bibliothèque Cantonale et Universitaire).
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Die ersten Zweifel an den neuen russischen Karten erschienen 1755 in einer ausführlichen Studie in der Nouvelle Bibliothèque Germanique. Der Verfasser, der sich hinter den Initialen M.S.E.B.dA versteckte, wurde vom Kartenhistoriker Johannes Dörflinger als «Monsieur Samuel Engel Bailli dAarberg» erkannt. Der Aufsatz behandelt in erster Linie Fragen, die mit dem nördlichen Nordamerika zusammenhängen. Engel stellte darin aber auch die These auf, dass die aus Russland kommenden Meldungen, das Ostende Asiens erstrecke sich bis mindestens zum 205.Längengrad, nicht stimme. Engel vertraute vielmehr älteren kartographischen Dokumenten, die das Ostkap beim 175.Längengrad ansiedelten. Seine Hypothese fand vorerst jedoch kein Gehör. Auf Grund der Expeditionen veröffentlichte unter anderem Gerhard Friedrich Müller 1754 eine Asienkarte, mit dazugehörigen Erläuterungen.
Diese Karte Müllers bot Engel den willkommenen Anlass, zum zweiten Mal gegen die, seiner Meinung nach, ungerechtfertigte Ausweitung Nordasiens auf den neueren russischen Karten Stellung zu nehmen. In einem 1765 erschienen Buch vertrat Engel die Ansicht, dass das Ostkap des Kontinents maximal bis 1761/2 Grad östlicher Länge reiche und damit um fast 30 Grad weiter westlich liege, als dies in Müllers Veröffentlichungen zum Ausdruck komme. Sehr klar drückte sich Engel aus, wenn er auf die tieferen Ursachen für diese Abweichung der russischen bzw. auf russischen Ursprung zurückgehende Karten zu sprechen kam: Diese lägen nämlich nicht so sehr in der Unkenntnis der massgebenden Stellen über die wahren geographischen Verhältnisse, sondern seien in politischen Überlegungen des russischen Kaiserhofes zu suchen: Die russische Regierung versuche der Weltöffentlichkeit glauben zu machen, dass sich das Zarenreich im Osten über einen Raum von mehr als 165 Längengraden erstrecke; aber nicht Prestigegründe wären dafür massgebend, sondern vor allem die Absicht, andere Mächte davon abzuhalten, die im 16. und 17.Jahrhundert gescheiterten Versuche zur Erschliessung eines Seeweges entlang der Nordküste Asiens wieder aufzunehmen.
Engel misstraute den Darstellungen Müllers und all jener, qui sont pensionnés par le Cour de Pétersbourg. Er entwarf, auf Grund seiner Studien, ein neues Kartenbild von Nordasien (Abb.1). Bis zur Lenamündung folgte er im Wesentlichen den russischen Vorlagen, den restlichen Teil bis zur Bering-Strasse verkürzte Engel gegen Osten immer stärker. Engels kritische Haltung liess ihn dabei zu manch richtiger Schlussfolgerung gelangen. In der Frage der Längenausdehnung begab er sich jedoch wie wir später sehen werden aufs Glatteis. Sein Buch wurde zwar bald ziemlich gut bekannt. Im deutschen Sprachraum fand sich jedoch kein namhafter Gelehrter, der den Ansichten des Schweizers mehr als distanziertes Interesse entgegengebracht hätte. In Frankreich dauerte es zwar etwas länger, bis Engels Name in Fachkreisen geläufig wurde, der Anklang des Werkes war dann aber umso grösser. Auch in England hatte Engel einen nicht zu unterschätzenden Erfolg aufzuweisen. Seine Theorie eines eisfreien Polarmeeres wurde in einflussreichen Kreisen bekannt. Dies bewirkte schliesslich, dass die britische Regierung im Sommer 1773 eine Expedition unter dem Kommando von Constantine John Phipps in Richtung Nordpol aussandte. Eine Expedition, die allerdings infolge undurchdringlicher Eismassen in der Nähe von Spitzbergen abgebrochen werden musste.
Im königlichen Geographen Didier Robert de Vaugondy fand Engel einen gleichgesinnten Partner. Robert de Vaugondy griff die Anregungen Engels auf und veröffentlichte 1768 einen Beitrag, in dem er den nordöstlichen Teil Asiens ebenfalls gegenüber den russischen Karten verkürzte, jedoch um zehn Längengrade weniger als der Berner Gelehrte. Zwischen Engel und Robert de Vaugondy kam es zu einer wissenschaftlichen Zusammenarbeit, wobei der Berner von seiner extremen Verkürzung Asiens nun etwas abwich. Auf Grund seines hohen Ansehens wurde Samuel Engel zur Mitarbeit an den Supplementbänden der Enzyklopädie von Denis Diderot und Jean le Rond dAlembert herangezogen. Unter anderem verfasste er die ausführlichen Artikel Asie septentrionale und Passage par le Nord. Damit konnte er seine Vorstellungen, allerdings vorsichtig formuliert und ohne polemische Zusätze, sehr wirkungsvoll verbreiten. Als kartographische Ergänzung fanden auch zwei von Engel und Robert de Vaugondy gemeinsam verfertigte Kartenentwürfe Aufnahme in die Encyclopédie. In einer 1774 erschienenen Denkschrift sorgte Robert de Vaugondy dann noch für eine weitere Modifikation der Längenausdehnung Asiens. Im darauffolgenden Jahr stellte jedoch Jean-Nicolas Buache de la Neuveville eine titelgleiche Denkschrift zusammen, in der er die russischen Längenbestimmungen mit sachlichen Argumenten verteidigte und keinerlei Anlass fand, Nordostasien zu verkürzen. In einer dem Mémoire beigelegten Konturvergleichskarte verdeutlichte Buache eindrucksvoll, wie stark sich die Ansichten über die Längenausdehnung Asiens voneinander unterschieden (Abb. 2). Buaches Karte vergleicht die Küstenlinien der Karten von Engel und Vaugondy (von 1764 bzw. 1774) mit den russischen «cartes modernes».
In einem 1776 in Deutschland erschienenen Werk über neue russische Entdeckungen trat ein unter dem Kürzel J.L.S. auftretender Autor (vermutlich J.L.Schulze) ebenfalls für die Resultate der russischen Längenmessungen ein. Er nahm dabei Stellung gegen die Verläumdung der Unwissenden und die Hirngespinste müssiger und eingebildeter Stubengelehrter.
Die Lösung der Streitfrage erfolgte schliesslich durch die dritte Weltreise von James Cook von 1776 bis 1779, an der auch der Berner Landschaftsmaler Johann Wäber (17501793) teilnahm. Auf dieser Reise in den Pazifik wurde die Trennung der Kontinente Asien und Amerika endgültig festgestellt. Im Juli 1780 erschien dann ein erster Kartenentwurf zu Cooks Entdeckungen im London Magazine (Abb.4), welche eine grosse Übereinstimmung mit derjenigen von Müller zeigte. Als 1784, im Todesjahr von Samuel Engel, der mit ausführlichen Karten versehene offizielle Reisebericht der Expedition erschien, mussten schliesslich die letzten Zweifler zur Kenntnis nehmen, dass Cook die russischen Angaben hinsichtlich der Längenausdehnung Asiens im Wesentlichen bestätigte. Damit waren die Thesen von Engel und Robert de Vaugondy endgültig widerlegt und ihre Ansichten fanden nur noch dann Erwähnung, wenn es darum ging, Musterbeispiele geographischer «Grillen» aufzuzeigen, wie dies der deutsche Geograph Eberhard August Wilhelm von Zimmermann drastisch formuliert hatte.
An der Dokumentation dieser dritten Weltreise von Cook hatte der Berner Johann Wäber einen massgebenden Anteil. Er verfertigte auf dieser Forschungsreise Zeichnungen und Gemälde, die anschliessend in Kupfer gestochen und in einem Prachtband dem dreibändigen Reisewerk beigegeben wurden. Das von Wäber der bernischen Regierung überreichte Exemplar befindet sich heute in den Beständen der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern. Wäber bereicherte aber auch die ethnographische Sammlung, die sich damals an demselben Ort befand. Damit wurde die Berner Stadtbibliothek selbst zu einem Reiseziel: 1796 wurde in einem Reiseführer auf die Seltenheiten von den Sandwich-Inseln [Hawaii], so von der letzten Cookischen Reise um die Welt von H. Weber, einem Berner, mitgebracht worden aufmerksam gemacht.